Galore
21/2006
Andrea Sawatzki „Frauen haben nie Ruhe.”
11.07.2006. Ein heißer Tag in Berlin, Mittagszeit. Andrea Sawatzki wartet in einem Agenturbüro in Charlottenburg. Das Zimmer liegt auf der Sonnenseite, trotz offenem Fenster weht kein Lüftchen. Tapfer kämpft ein Ventilator gegen die Hitze an, die Schauspielerin wirkt dennoch agil.


Galore: Frau Sawatzki, wann sind Sie sich selbst ganz nahe?
Andrea Sawatzki: Wenn ich meine Kinder im Arm habe. Ich erlebe dann das Gefühl, geliebt zu werden, ohne mich irgendwie verrenken zu müssen. Es ist Liebe, die nicht hinterfragt wird.

Manche junge Eltern sagen unter der Hand, dass sie durchaus so etwas wie Eifersucht empfinden, wenn das Kind urplötzlich lieber zur Mutter als zum Vater geht.
Das ist bei uns ein wenig anders. Mein Mann und ich sind beide viel unterwegs, die Bezugsperson für die zwei Jungs ändert sich ständig. Außerdem liebe ich es zu sehen, wenn die beiden Söhne mit meinem Mann nach Hause kommen: Er, der Große, in der Mitte, links und rechts die Kleinen. Das sind die Momente im Leben, von denen ich geträumt habe und auf die ich 35 Jahre warten musste. So lange hat es gedauert, bis ich ein Zuhause hatte.

Wie fühlen Sie sich in den ErsatzHeimen, zum Beispiel in Hotels?
Ich habe in dieser Hinsicht einen schlechten Ruf, denn wenn ich in fremde Hotels komme, ziehe ich regelmäßig erst einmal um. Ich bin mir sicher, dass das erste Zimmer schlechte Vibrations hat. Ich muss mir dann wenigstens noch ein anderes Zimmer angucken, gehe mit den Koffern wieder runter und sage: „Das ist es nicht.”

Da ich mir Sie nicht als Diva vorstellen kann: Warum tun Sie das?
Vielleicht weil ich mir nicht eingestehen will, dass dieses Hotelzimmer gar keine Art von Zuhause sein kann. (überlegt) Diese Einsamkeit… Nein, ich bin nicht gerne in Hotelzimmern. Eigentlich seltsam, denn manchmal wünsche ich mir auch, öfter allein zu sein.

In welchen Momenten?
Wenn mir die Arbeit über den Kopf wächst und ich den Eindruck habe, dass sie mich vom Wesentlichen ablenkt, Ich bekomme dann Lust, mehr zu lesen, mich weiterzubilden. Und dann sitze ich im Hotel, habe die Möglichkeit, stundenlang die Zeitung zu studieren und werde einsam, starre an die Wand. Ich habe fast ein wenig Horror vor diesen einzelnen freien Drehtagen, an denen es sich nicht lohnt, nach Hause zu fliegen. Ich nehme dann Bücher und Zeitschriften, mache ellenlange To doListen und doch ist da die beklemmende Angst vor der Einsamkeit.

Er will es sich nicht eingestehen, aber es ist wohl so: Der Mensch verträgt es nur schwer, alleine zu sein.
(überlegt) Ich glaube, es ist die Angst vor dem Selbst, vor der eigenen Stimme. In der Konfrontation mit sich selbst könnte plötzlich klar werden, was man eigentlich machen sollte, und dass der Weg, den man gerade geht, nicht der richtige ist. Darum lassen sich die Menschen so gerne ablenken, darum zieht es uns so sehr zu anderen hin. Das geht mir auch so: Wenn ich abends in einer anderen Stadt bis acht Uhr drehe, versuche ich alles, um noch das Flugzeug nach Hause um neun zu bekommen. Das ist aufreibend. Klüger wäre es, früh ins Bett zu gehen und am nächsten Morgen zu fliegen. Denn so komme ich abends heim, bin müde und ungeduldig – und schon stecke ich mitten im typischen Mutterproblem.

Das da wäre?
Man will einen Dank. Kinder danken aber nicht. Sie finden es ganz schön, wenn man da ist, empfinden aber kein Mitleid für die Müdigkeit der Mutter, die sich abgehetzt hat. (überlegt) Viele Mütter wollen dankbare Kinder, die die Aufopferung erkennen.

Ist das nicht auch ein typisches Problem in modernen Beziehungen?
Man will trotz Stress alles richtig machen…
…und erwartet Dank im Kerzenschein. (lacht)

Worauf legen Sie bei einem Mann wert?
Ich finde Männer nur attraktiv, wenn sie gute Manieren haben. Wenn ich im Flugzeug meine Tasche nach oben wuchten muss und ein Mann ohne zu helfen an mir vorbeigeht, ist er sowas von unten durch. Ich empfinde das als einen banalen Trotz von Männern, die uns die Emanzipation nicht gönnen und denken: Wenn sie als Berufstätige alleine reist, muss sie auch alleine Taschen wuchten können. Das ist traurig. Was sie wohl darüber denken würden, wenn sie sich später bei diesem Verhalten beobachten könnten?

Gibt es Augenblicke, in denen Sie sich – von außen betrachtet – fragen, was zum Teufel Sie da gerade tun?
Es gibt so Situationen. Ein freier Tag im Sommer, wir wollen schwimmen gehen. Plötzlich sehe ich, wie unordentlich die Wohnung ist. Dann fahren die anderen schon mal vor, während ich kübelweise Wasser über den Boden schütte und fluchend vor mich hin wische. (lacht) Ein Frauenproblem.

Tatsächlich?
Ich glaube schon. Frauen haben nie Ruhe. Das liegt am Tatendrang, am Perfektionismus. Es ist das Gefühl, ständig alles im Griff haben zu müssen: Erfolgreich im Berufsleben sein, den Kindern ein schönes Leben bescheren – und trotzdem muss im Haus alles glänzen und blitzen. Das ist kaum zu schaffen.

Wer erzeugt diesen Druck? Der moderne Mann doch wohl hoffentlich nicht mehr.
Nein, den erzeugen wir selber. Er resultiert aus der eigenen Erziehung. Ich habe viele Freundinnen, die überforderte Mütter hatten, und wenn man ihnen helfen wollte, gab es die Antwort: Sehr nett, aber lass mal, du machst es nicht richtig. Das ist bei uns Kindern hängen geblieben. Dabei wäre es wichtig, sich helfen zu lassen.

Seit 2002 spielen Sie die Frankfurter „Tatort”Kommissarin Charlotte Sänger. Haben Sie die Figur aktiv mitentwickelt oder war sie fertig angelegt?
Wir haben im Vorfeld viel gemeinsam überlegt. Im Grunde genommen wollte ich nämlich überhaupt keine „Tatort”Kommissarin spielen. Wenn doch, dann sollte sie etwas ganz Besonderes, vielleicht auch Unverständliches haben.

Was ist das Unverständliche an der Figur?
Ihre Verweigerung dem Leben gegenüber, der Freude und dem Frausein. Ihre Todessehnsucht. Das Verrückte ist: Sie trägt immer Röcke, hat aber ein Problem damit, Frau zu sein. Sie erfüllt ihren Beruf beinahe perfekt, doch wenn sie alleine zu Hause ist, dann ist es aus. (überlegt) Ich würde sie gerne öfter zeigen, wenn sie alleine in der Wohnung ist, um diese Abgründe zu verdeutlichen.

Darf ich annehmen, dass sich ein bisschen von der dunklen Merkwürdigkeit der „Tatort”Kommissarin auch in Ihnen findet?
Klar, in all diesen Dingen liegt eine Wahrheit. Ich erinnere mich an die Dreharbeiten zu „Das Experiment”, als wir alle tatsächlich schockiert davon waren, wie leicht das Böse zum Vorschein kommen kann. (überlegt) Kein Mensch kann von sich behaupten, er sei ein guter Mensch. Und wenn er es tut, ist er es ganz sicher nicht, denn dann lügt er. Der Mensch an sich ist nicht gut, und daher fasziniert uns das Böse so seht Auch ich bin dem Bösen gegenüber nicht uninteressiert. Ich denke, es schlummert in jedem. Die Frage ist, wie gut man es zu filtern vermag.

Können Sie Zinedine Zidanes Kopfstoß im WMFinale verstehen?
Ja. Der Mann spielt fast zwei Stunden unter einer wahnsinnigen Anspannung Fußball, wird von dem Italiener am Trikot gezupft und bekommt dann eine Ungeheuerlichkeit ins Ohr geflüstert. Ich glaube, ich hätte ähnlich reagiert. Jeder versteht das, wenn man ehrlich zu sich ist.

Die Öffentlichkeit reagierte allerdings mit Unverständnis, weil sich ein Profi nicht derart gehen lassen darf.
Wer dafür Verständnis zeigt, rückt sich in ein schlechtes Licht. Kontrolle ist alles. Wer sagt, er könnte sie verlieren, gilt ja schon als nicht zurechnungsfähig.

Sie haben auf Ihrer 35 Jahre langen Suche nach Glück einige Brüche erlebt. Wie beurteilen Sie diese im Nachhinein – als Antrieb oder Leidenszeit?
Beides. Der Mensch sucht den Schmerz, leidet wie ein Tier – und braucht genau das, um weiterzukommen. So habe ich das zumindest mittlerweile bei mir selber analysiert. (lacht) Oft geht es einem in diesen Leidensphasen nicht wirklich schlecht, aber man treibt sich da immer weiter hinein, verschärft die Gedanken an sein eigenes Unglück, macht unsinnige Sachen. Zum Beispiel rennt man jahrelang dem einem Typ Mann nach, um immer einen neuen Versuch zu wagen.

Kann das funktionieren?
Natürlich nicht. Aber warum macht man es dann? Da kann die einzige Antwort doch nur sein: Um wieder enttäuscht zu werden. Für mich war das lange ein Problem: Ich habe keinen Partner gefunden, weil ich mir immer wieder die falschen Männer ausgesucht hatte. Ich habe mich in den Beziehungen nicht auf mich konzentriert, sondern auf die Art und Weise, wie mein Partner auf mich reagierte. Einziges Ziel war, dass der Partner nicht wegrennt – aber das muss schief gehen.

Beruflich standen Sie einmal kurz vor einem entscheidenden Lebensbruch: Sie hatten eigentlich schon beschlossen, Ihre Karriere zu beenden.
Ich war Ende Zwanzig und hatte das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Ich war auf der Schauspielschule, zwei Jahre an der Landesbühne in Wilhelmshaven und an anderen Theatern, wollte mich richtig vorbereiten, schaffte mit Hängen und Würgen den Sprung zum Film und hatte Erfolg mit „Das Schwein” an der Seite von Götz George. Da dachte ich dann wohl: (zögerlich) Jetzt habe ich es geschafft.

Sie sagen das so vorsichtig: Das ist eine in Ihrem Beruf gefährliche Einschätzung, oder?
Ja. Bei mir führte sie dazu, dass ich spielwütig wurde. Dabei hätte ich warten müssen, wie es die jungen Kollegen heute sehr geschickt machen. Ich jedoch nahm eine Tagesrolle nach der anderen an, bis es in der Branche irgendwann hieß: Die kann man für zwei Tage fragen. Ich läpperte mich durch diese Zeit, fühlte mich verbraucht und wartete vergeblich auf wirklich gute Geschichten. Dann stand ein Frankreichurlaub an, ich lernte einen Franzosen kennen und dachte: Ich bleibe hier und steige aus. Der Typ war aber auch ein Hallodri. (lacht) Wie auch immer: An genau diesem Tag des Entschlusses kamen fast zeitgleich die Angebote für „Der König von St. Pauli”, „Die Apothekerin” und „Bandits”. Und ich bin sofort los zum Flughafen. (lacht)

Würden Sie heute von sich behaupten, es geschafft zu haben?
Ich weiß, dass ich meinen Beruf privilegiert ausüben kann, bekomme gute Rollen und habe mit dem „Tatort” ein festes Fundament. Aber wer es geschafft hat, hört auf zu suchen.

Letzte Ausfahrt: Preis für das Lebenswerk.
Oh Gott! (lacht) Hat nicht Marlon Brando den Oscar nicht angenommen? Das ist tröstlich für jemanden wie mich, der erst einen GrimmePreis hat.

Denken Sie tatsächlich über Ihre Preisbilanz nach?
Nun ja, mein Mann hat einen Bambi für „Der Untergang” bekommen, und jetzt fragen die Kinder, warum wir denn nur einen Bambi haben und nicht zwei. Aber immerhin war ich mit einem „Tatort” für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Wir haben nicht gewonnen, aber immerhin gab es so einen kleinen Trostpreis in Anhängergröße. (lacht) Den habe ich ganz stolz zu Hause präsentiert, aber die Kinder waren über die Größe arg enttäuscht. Egal, da muss ich drüberstehen.

Eine Kollegin lobte Sie für Ihre innere Stille. Ist es das: Dinge nicht mehr zu ernst nehmen, den Kopf mal auszuschalten?
Wahrscheinlich. Aber die innere Stille tritt nur dann ein, wenn es auch außen leise ist. In der Natur. (überlegt) Ich glaube, dass die Stadt den Menschen kaputt macht.

Warum?
Zu laut. Man hört sich selbst nicht mehr, wird von der Stadt geweckt. Überhaupt das Wecken: Immer wenn ich meine Kinder wecke, denke ich: Eigentlich darfst du das nicht. Sie träumen gerade, ich störe.

Aber viele Menschen schöpfen Kraft aus dem pulsierenden Leben, aus Begegnungen und nicht zuletzt aus Konsum.
Das ist ja alles nicht echt. (überlegt) Und überhaupt: Brauchen wir Begegnungen? Wir werden alleine geboren und sterben alleine.

An schlechten Tagen findet man in guten Begegnungen Selbstbestätigung.
Begegnungen sind notwendig, sie helfen uns beim Überleben. Aber alleine bleiben wir doch. Ich frage, mich wie das ist, wenn man stirbt: Nimmt man die Menschen noch wahr, die am Sterbebett stehen oder blendet man sie aus? Ein beängstigender Gedanke. Wie auch immer: Gut wäre beides, ein Stadtleben auf der einen Seite und die Zeit in der Natur auf der anderen Seite. Sich darauf besinnen, was man ist: nämlich nichts.

Das ergibt aber ein beängstigendes Menschenbild: Menschen sind einsame Teufel. In ihnen schlummert das Böse, sie lassen sich aus Angst vor dem eigenen Ich ablenken und suchen immer wieder die Enttäuschungen, um leiden zu können?
Das werde ich meinen Kindern heute als Gutenachtgeschichte erzählen. (lacht) Aber im Ernst: Es ist die Aufgabe des Menschen, aus diesen eher dunklen Grundbedingungen das Beste zu machen. Und diese Aufgabe ist nicht ohne.

Galore